Artikel aktualisiert am 15.05.2024

Die Herbsttagung findet am  6. November 2021 an der Universität Zürich Zentrum, Raum KOHB10 statt.

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Tagungsleiter und Referenten

Dr. Dieter Kläy
PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer
Dr. Matthias Uhl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut, Moskau

Tagungsthema

Operation Barbarossa

Die Operation Barbarossa („Fall Barbarossa“) war der Deckname des Hitlerregimes für den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Hitler hatte den Angriff auf die Sowjetunion nach dem Sieg über Frankreich angestrebt und seinen Entschluss dem Oberkommando der Wehrmacht am 31. Juli 1940 mitgeteilt. Am 18. Dezember 1940 erteilte er den Auftrag zur Vorbereitung des Angriffs.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde immer wieder die These diskutiert, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion habe einen bevorstehenden Angriff Stalins auf das Deutsche Reich verhindert (Präventivkriegsthese). Die Rote Armee sei bereits im Frühjahr und Sommer 1941 für einen Angriff aufgestellt gewesen. Historiker entkräfteten diese These bereits in den 60-er Jahren. Mitte der achtziger Jahre wurde sie erneut vertreten, unter anderem vom österreichischen Philosophen Ernst Topitsch und vom sowjetischen Überläufer Viktor Suworow. Neue Dokumentenfunde befeuerten die These bis in die 90-er Jahre hinein.

 

Die Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen GMS thematisiert die Operation Barbarossa seit den 90-er Jahren regelmässig in Tagungen und Reisen. An der Veranstaltung vom 6. November 2021 gehen Matthias Uhl und Hans Rudolf Fuhrer den Fragen der Kriegsvorbereitungen auf beiden Seiten auf den Grund.

Matthias Uhl studierte Geschichte und osteuropäische Geschichte in Halle und Moskau. 2000-2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Berlin. Seit 2005 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau. Er forscht zur Geschichte der Sowjetunion und des Zweiten Weltkrieges und veröffentlichte zahlreiche Werke zur deutschen und sowjetischen Militärgeschichte.

Hans Rudolf Fuhrer studierte Pädagogik, Militärgeschichte und Schweizergeschichte und promovierte 1982 bei Walter Schaufelberger an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich mit der Dissertation „Spionage gegen die Schweiz. Die geheimen deutschen Nachrichtendienste gegen die Schweiz im Zweiten Weltkrieg“. Bis 1990 amtierte er als Seminarlehrer bei der Ausbildung von Lehrern für die Sekundarstufe der Universität Zürich. Er habilitierte sich mit der Arbeit „Die Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg. Bedrohung, Landesverteidigung und Landesbefestigung“. Danach war er bis 2006 Dozent für Militärgeschichte an der Militärakademie der ETH Zürich und Privatdozent an der Universität Zürich. Hans Rudolf Fuhrer veröffentlichte mehrere militärhistorische Bücher und ist als Reiseleiter der GMS aktiv.

GMS-Frühjahrstagung 2022 im Zeichen der Ukraine-Krise

Derzeit erlebt Europa die grösste sicherheitspolitische Krise seit Ende des Kalten Krieges. Kooperative Sicherheit zwischen Ost und West muss wieder stärker gelebt werden. 150 GMS-Mitglieder und Gäste folgten den Ausführungen von Thomas Greminger, Ralph Bosshard und Hans Rudolf Fuhrer.

Um die Gegenwart besser verstehen zu können, erläuterte Hans Rudolf Fuhrer die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Ukraine, die erstmals ca. 1117 in der Nestorchronik Erwähnung fand. In den fast 1000 Jahren hatte die Ukraine immer eine strategische Bedeutung, war Kreuzung grosser Handelsrouten und Brücke nach Indien. Zäsuren waren der Mongoleneinfall (1237 – 1240), das Grossfürstentum Litauen und das Königreich Polen (Union von Lublin), zu welchem 1569 fast die ganze Ukraine kam, und der Vertrag von Perejaslaw von 1654, als Kosakenführer Bohdan Chmielnickyj dem russischen Zaren Alexei I. den Treueeid der Saporoger Kosaken leistete. Wie dies heute zu deuten ist, ist umstritten. War es ein Bündnis von zwei gleichberechtigten Staaten und damit ein Staatsvertrag? War es ein Anschluss oder eine Unterwerfung? 1708 schloss der Kosakenführer Ivan Mazepa ein Bündnis mit Karl XII. von Schweden. Beide verloren 1709 in der Schlacht von Poltawa gegen Zar Peter den Grossen.

Nach der Revolution 1917 wollte Lenin einen zentralisierten Staat, der in den Verhandlungen von Brest-Litowsk scheiterte, da die Ukrainer erfolgreich ihren Unabhängigkeitskurs weiterverfolgen konnten. Deutschland unterstützte damals eine unabhängige Ukraine. Am 3. März 1918 musste Lenin die Unabhängigkeit der Ukraine anerkennen. Aber als die Deutschen den Ersten Weltkrieg verloren hatten, war auch das Ende der Unabhängigkeit der Ukraine besiegelt. Die Bolschewiken brachten alles wieder unter ihre Herrschaft.

Anders war die Lage im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Einmarsch am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion wurde die ganze Ukraine bis November 1941 durch Hitlers Truppen besetzt. Zwar wurden die Deutschen teilweise als «Befreier» aufgenommen, aber letztlich hatten sie kein Interesse an einer unabhängigen Ukraine, was grosse Enttäuschungen hervorrief.

Mit dem Wegfall des Feindbildes Westen implodierte 1991 die UdSSR. Die Ukraine wurde am 24. August 1991 unabhängig. Damals fehlte gemäss Fuhrer die integrative Wirkung eines Befreiungskampfes. Das Verhältnis zu den Nachbarn musste neu geregelt werden, was später zu grossen Wirren und ab 2014 zu kriegerischen Auseinandersetzungen führte.

Kooperative Sicherheit als Lösungsansatz

Nach Thomas Greminger, Direktor des Geneva Center for Security Policy (GCSP), erlebt die europäische Sicherheit derzeit die grösste Krise nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Frage nach einer weiteren Eskalation ist schwierig zu beurteilen. Derzeit bewegt sich die Welt in Richtung eines Kalten Krieges 2.0.  Der Grund für die Spannungen liegt auch darin, dass die Staaten des euroatlantischen Raumes die Vorzüge der Kooperation nicht mehr einsetzen und die Sicherheit als zu selbstverständlich angesehen haben. Trotzdem müsse jetzt über kooperative Sicherheit gesprochen werden, die im Ansatz eine Sicherheit miteinander ist und keine kollektive Sicherheit, die sich als Staatenallianz gegen jemanden richtet. Dabei geht es um Konsultation, Transparenz und Rückversicherung, nicht aber um Abschreckung und Geheimhaltung. Die Staaten müssen den Willen haben, die Herausforderung in Kooperation anzugehen. Konstituierende Elemente eines solchen Ansatzes sind der Fokus auf Dialog, auf gemeinsame Interessen, gemeinsame Regeln, Massnahmen, die erlauben, Vertrauen wieder aufzubauen und zivilgesellschaftliches Engagement, weil Frieden nicht nur Diplomaten und Politikern überlassen werden darf. Seit 2014 hat sich die Schweiz in der Ukrainekrise als Brückenbauerin bewährt. Schnell konnte ein Konsens über die Entsendung einer Mission ziviler Beobachter der OSZE erreicht werden. Rund 800 Beobachter aus 40 Ländern ermöglichten so viele lokale Waffenstillstände. Heute ist diese Mission in Frage gestellt.

 

Um die Situation zu verändern, muss der Krieg beendet werden. Es braucht einen Waffenstillstand und Deeskalation. In der Folge könnte es einen neuen Kalten Krieg mit konsolidierten Feindbildern geben. Aber es wird auch der Moment kommen, wo wieder ein politischer Wille vorhanden ist, etwas zu bewegen, analog zu Beginn der 70-er Jahre im KSZE-Prozess, der 1975 mit der Helsinki-Akte in die Geschichte einging. Zudem sollte der NATO-Russland-Rat wieder aktiviert werden und die OSZE eine intensivere Rolle einnehmen.

China als lachender Dritter?

Ralph Bosshard, ehemaliger Senior Planning Officer in der Special Monitoring Mission to Ukraine, erläuterte den aktuellen Stand des Angriffs der russischen Streitkräfte auf die Ukraine und verwies auf die Notwendigkeit, verschiedene, in den Medien publizierte Angriffspläne mit Vorsicht zu geniessen. Die russische Armee kann mit ihrem gegenwärtigen Bestand nicht auf 1’000 km Frontbreite einen Angriff in 300 km Tiefe führen. Viele auf diversen Kanälen publizierte Operationspläne machen den Anschein, als gäbe es keine ukrainische Armee. Doch diese umfasst heute ca. 25 Brigaden mit einer gewissen Kampferfahrung. Das russisch-belarussische Kräftedispositiv könnte 6 belarussische Kampftruppen-Brigaden und zusätzlich 7 bis 8 Divisionsäquivalente umfassen, was für ein massives Missverhältnis zwischen Raum und Truppen spricht. Was derzeit passiert, werde mit Kräften realisiert, die massiv schwächer sind, als der Raum es erfordern würde. Die Truppen der beiden «Volksrepubliken» Luhansk und Donezk sind nur zur Durchführung lokal begrenzter Aktionen fähig. Bislang haben die russischen Truppen das ehem. AKW Tschernobyl unter ihre Kontrolle gebracht. Im Süden kamen die russischen Truppen besonders weit.

Nach dem Debakel der US-geführten westlichen Koalition in Afghanistan im August 2021 waren die USA gezwungen, auf Augenhöhe mit Russland zu sprechen. Der Kreml hat in der Ukraine einen Hebel gefunden, mit welchem er den Westen nach Belieben unter Druck setzen kann. Profiteur und lachender Dritter ist China, das vermutlich mit Vergnügen zuschaut, wie die USA politisch und militärisch immer tiefer in einen Konflikt in Osteuropa hineingezogen werden.

Dieter Kläy, Vorstandsmitglied GMS

Programm

ab 09.15
Begrüssungskaffee und Gipfeli, Foyer West (KOL-D-43a), beim Hörsaal KOH-B-10

09.45
Begrüssung und Einführung
Dr. Dieter Kläy, Vorstandsmitglied GMS, Winterthur

09.50
Hitler im Visier Stalins. Die Präventivkriegstheorie
PD Dr. Hans Rudolf Fuhrer, Meilen

10.35
Die Operation BARBAROSSA – die deutschen Vorbereitungen zum Angriff auf die Sowjetunion
Dr. Matthias Uhl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut, Moskau

11.20
Pause

11.30
Podiumsdiskussion mit den beiden Referenten, Beantwortung von Fragen aus dem Publikum, Moderation:Dr.Dieter Kläy

12.00
Schlusswort
Dr. Dieter Kläy

12.05
Apéritif Foyer West (KOL-D-43a)

13.00
Abschluss der Veranstaltung

Um eine Anmeldung bis am 1. November 2021 an unser Sekretariat wird gebeten. Mail: info@pensar.ch oder via Telefon +41 56 426 23 85

Tagungsleiter und Referenten freuen sich über Ihr Interesse und Ihre Anmeldung.